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DAS MENSCHLICHE MASS Sebastian Orlac Das Zentrum Kreuzberg überragt den Platz wie die Bauruine eines Staudamms. In seinem Schatten treffen sich die Gestrandeten eines untergegangenen Wohlfahrtstaats. Man kann sich in Berlin nicht am Kottbusser Tor aufhalten, ohne an die verschiedenen Welten zu denken, die hier aufeinanderprallen. Bei ihren Recherchen vor Ort bemerkt die kanadische Künstlerin Larissa Fassler zwei Arten der Bewegung: Es gibt Geher und Steher. Die Steher, das sind die „Überflüssigen“, Drogenabhängige, Alkoholiker, Dealer, die Bewohner des nahen Altersheims. Die Geher sind türkische und arabische Gewerbetreibende, deutsche Medienschaffende und immer wieder Schulklassen oder Reisegruppen, die hier etwas über das gelebte Miteinander erfahren sollen. Das Einzige, was alle eint, ist, dass hier niemand etwas mit den anderen zu tun haben will. Larissa Fassler bewegt sie sich zwischen den Welten. Sie steht und geht und sorgt für Verwirrung. Zu wem gehört sie denn nun? Als Ausgangspunkt ihrer Beschäftigung mit dem „Kotti“ hat Fassler den Ort mit ihrem eigenen Körper vermessen. Die Horizontale mit ihren Schritten, die Vertikale mit ihrer Größe, dem ausgestreckten Arm, ihren Händen. Fast obsessiv bemisst sie jedes Detail, läuft die U-Bahnlage ab, die Hauseingänge und Freitreppen. Sie schätzt Neigungswinkel, Volumen und Proportionen. Aus den unzähligen Notizen entsteht so ein Bauplan des Areals. Beinahe könnte man meinen, er gleicht dem bestehenden Material vom Bauamt. Doch Larissa Fassler zeigt deutlich, wo sie mit ihrem Körper als Maßeinheit an Grenzen stößt. Wie schon bei ihren Arbeiten über das unterirdische Tunnelsystem vom Alexanderplatz und das überirdische am Halleschen Tor, setzt Larissa Fassler ihre Aufzeichnungen vom „Kotti“ in ein Modell um. Auf den ersten Blick mag es an ein Architekturmodell erinnern. Mitte der 60er Jahre wurde sicher mit etwas Ähnlichem um Investoren für die Neubebauung geworben. So wenig der damalige Entwurf mit den sozialen Gegebenheiten vor Ort zu tun hatte - geplant waren Gemeinschaftsgärten auf dem Dach und ein Freilichttheater für Hofsänger und Leierkastenmänner - so wenig zeigt auch Fasslers Nachbau die jetzige Wirklichkeit. In ihrem Modell ist die aufgeladene Stimmung am Kottbusser Tor nicht wieder zu finden. Anstelle der Straßen ragen tiefe Schluchten in den Boden. Übrig bleibt der bloße Baukörper, selbst noch in der Verkleinerung wirkt er monumental. Wer näher hinsieht merkt, dass hier etwas nicht stimmt. Fußgängertunnel treffen nicht richtig zusammen, die Traufhöhen der vorgelagerten Wohnhäuser stimmen nicht überein. Fassler hat nur das gebaut, was sie sich erlaufen, bzw. abschätzen konnte. Die ausgeblendete Wirklichkeit des Modells taucht in der zweiten Arbeit, der Kartierung des „Kotti“ wieder auf. Neben erlebten Begebenheiten erscheinen hier auch visuelle Eindrücke: Werbeplakate, politische Parolen, Tags, Wegweiser und Zeitungsartikel, die sie bei ihren Erkundungen aufgezeichnet hat. Es ist eine Momentaufnahme täglich wechselnder Schriften, die, losgelöst aus dem Stadtraum, ihre Bedeutung verlieren. Fassler montiert sie in ihren erlaufenen Stadtplan, der so zu einer Mind-Map wird. €hnlich verfährt sie auch mit gefundenen Archivbildern, zeichnet historische Ereignisse nach und versucht sie in ihrer Karte zuzuordnen: Trümmerfrauen neben Hausbesetzern, das Porträt von Celalettin Kesim, der Anfang der 80er Jahre von türkischen Nationalisten ermordet wurde, neben Soldaten der US Army, die in den 70er Jahren in den leer geräumten Häusern Nahkampf trainierten. Wie die wild geklebten Plakate rund um das Kottbusser Tor überlagern sich die Ereignisse und löschen sich schließlich gegenseitig aus. Larissa Fassler knüpft in ihrer Arbeit an die Anfänge der Kartierung an. Sie stellt die eigene Erfahrung ins Zentrum ihrer Arbeit, anstatt 3D Modelle zu verwenden oder den gottgleichen Blick der Googlekarten. Ihre Perspektive ist die der Spaziergängerin, die hinschaut und versucht sich ein Bild zu machen. Die entstandenen Systeme zeigen aber auch ihr eigenes Scheitern vor Ort. Ein an menschlichen Bedürfnissen vorbei geplanter Stadtraum, der nicht mehr mit menschlichem Maß zu vermessen ist. |